Geschichte

OPEN DIALOGUE: 74-minütiger Dokumentarfilm über das Western Lapland Open Dialogue Project. Das Programm erzielt derzeit in der entwickelten Welt die besten Ergebnisse für First-Break-Psychosen – etwa 85 % vollständige Genesung, eine weit überwiegende Mehrheit von Antipsychotika.

Open Dialogue hat im West Lappland, einer weitläufigen ländlichen Gegend Finnlands, der 1980er seinen Ursprung. 80% der 72.000 Einwohner*innen lebten im Umkreis von 30 km zur Keropudas Klinik, dem zuständigen psychiatrischen Krankenhaus mit 160 Betten.  Die Gegend war und ist bis heute geprägt von einer hohen Arbeitslosenrate und Abwanderung, so dass heute nur noch 63.000 Menschen dort leben. Zur damaligen Zeit gab es in West Lappland eine hohe Inzidenz von Schizophrenie, genauer gesagt gab es auf 100.000 Einwohner*innen 30,3 Schizophrenie Diagnosen pro Jahr. Diese Zahl konnte laut einer Langzeitstudie von Seikkula et al. (2011) bis 2011 auf 2 pro 100.000 Einwohner*innen gesenkt werden, die Diagnosen von einmaligen psychotischen Episoden sind im Gegenzug erheblich gestiegen. Auch die Bettenanzahl konnte bis 2019 von ehemals 160 auf 22 reduziert werden.

Bis 1979 war die Keropudas Klinik ein sogenanntes B-Krankenhaus, was bedeutete, dass es für den stationären Langzeitaufenthalt für chronisch psychisch Erkrankte konzipiert war (für manche Menschen bedeutete das einen lebenslangen Aufenthalt). Fast alle Patient*innen hatten eine Schizophrenie Diagnose und nahmen hohe Dosen Neuroleptika, die bekanntlich mit vielen Nebenwirkungen einher gehen. 

Im Jahr 1979 gab es in Finnland gesetzliche Änderungen, was dazu führte, dass die Keropudas Klinik zu einer Akut Klinik umstrukturiert werden konnte. Dies ermöglichte viele Veränderungen und zog viele neue Mitarbeiter*innen an, die Lust auf Neues hatten. Darunter waren z.B. der Psychiater Jyrkie Keränen, die Psychiaterin Birgitta Alakare und der klinische Psychologe Jaakko Seikkula. Alle arbeiteten begeistert an einem neuen, modernen Konzept für die stationäre und ambulante psychiatrische Behandlung.

1981 lud die Klinik Professor Jukka Aaltonen ein, regelmäßige Workshops für das gesamte Personal (bis hin zu den Reinigungskräften) zu leiten. Inhalte waren die Grundlagen der Familientherapie. Jukka Aaltonens Arbeit war stark beeinflusst von seiner Zusammenarbeit mit Professor Yrjö Alanan, der in Südwest Lappland mit seinem Team den bedürfnisorientierten Ansatz – Need Adapted Treatment (NAT) – entwickelt hat. Dieser ist ein humanistischer und psychotherapeutischer Ansatz zur Behandlung von Menschen mit psychotischem Erleben (vgl. Alakare&Seikkula, 2022). Der OD wird oft als neue Form dieses bedürfnisorientierten Ansatzes beschrieben.  

So haben die Mitarbeiter*innen der Keropudas Klinik Anfang der 80er Jahre begonnen, Familienmitglieder einzuladen, um über deren Erfahrungen und Belastungen zu sprechen.

1986 wurde beschlossen, dass die sogenannten Netzwerktreffen mit den Angehörigen und den Betroffenen stattfinden sollen, bevor die Entscheidung getroffen ist, ob jemand stationär aufgenommen wird. Die Konsequenz war, dass sich in einem Drittel der Fälle gegen eine stationäre Aufnahme entschieden wurde. Daraufhin entwickelten die Verantwortlichen das Konzept der „Krisen Klinik“, die für diejenigen Betroffenen und deren Angehörigen zuständig war, die nicht stationär aufgenommen werden sollten. Zeitgleich wurde damit begonnen, Hausbesuche zu machen.

Seit 1990 wurden in allen psychiatrischen Ambulanzen in West Lappland mobile Krisenteams gegründet und somit wurde in der gesamten Region nach dem OD Ansatz gearbeitet.  Der Ansatz wurde unter verschiedenen Einflüssen ständig weiterentwickelt. Jaakko Seikkula hat Schlüsselpersonen aus der Familientherapie und aus dem Psychose Bereich eingeladen, um Trainings für die Mitarbeiter*innen durchzuführen. Darunter waren z.B. Harry Goolishian and Harlene Andersen, die den kollaborativen Ansatz vertraten. Auch Tom Andersen war häufig zu Besuch. Er und sein Team entwickelten die Methode des reflecting teams, bei dem das behandelnde Team seine Reflektionen in respektvoller Weise und angemessener Sprache (kein Fachjargon!) den betroffenen Personen und deren Angehörigen gegenüber transparent macht. Diese Methode hatte einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des OD! 

Abschlussarbeit Fachspezifikum Systemische Familientherapie Mag.a Eva Schwaiger, Juni 2022, Seite 3-5

OPEN DIALOGUE DAMALS UND HEUTE
Eine Reise von Lappland bis Österreich