Aktueller Stand
1. Österreich befindet sich in einer frühen, aber dynamischen Implementierungsphase
Der Offene Dialog ist in Österreich noch nicht flächendeckend implementiert, aber er hat sich in den letzten Jahren von einer kleinen Pionierbewegung zu einem sichtbaren Reformimpuls entwickelt. Mehrere Regionen und Institutionen haben begonnen, OD‑Elemente in ihre Versorgung zu integrieren, insbesondere:
- Psychiatrische Abteilungen in Wien und Niederösterreich, die OD‑Netzwerkgespräche pilotieren
- Mobile Krisenteams, die dialogische Prinzipien übernehmen
- Freie psychosoziale Träger, die OD‑Weiterbildungen für ihre Teams organisieren
- Einzelne Kinder‑ und Jugendpsychiatrien, die OD‑Elemente in Familienarbeit integrieren
Österreich befindet sich damit in einer Phase, die international als „early adoption“ bezeichnet wird: OD ist bekannt, politisch anschlussfähig, aber noch nicht systemisch verankert.
2. Wachsende Ausbildungslandschaft und Professionalisierung
In den letzten Jahren hat sich eine kontinuierliche Ausbildungsstruktur entwickelt:
- Regelmäßige OD‑Weiterbildungen:
In Österreich gab es bislang drei Basisfortbildungen zur Praxis des Offenen Dialoges.
Vom Verein Windhorse wurde 2020/2021 das erste in Österreich stattfindende Weiterbildungscurriculum zum Thema OD unter dem Titel „OPEN DIALOGUE – Dialogische Praxis und Systemische Netzwerktherapie mit reflektierendem Team initiiert und angeboten. Geleitet wurde die Weiterbildung von Dr. Karl Panzenbeck aus Wien und Dr. Sabine Schütze aus Hamburg.
Darauf folgten in Graz zwei weitere Lehrgänge nach dem Curriculum von Dr. Volkmar Aderhold, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Hamburg, in den Jahren 2023/2024 und 2025/2026.
Die Grazer Lehrgänge wurden geleitet von Irene Nenoff und Kolja Heumann vom Verein Offener Dialog e.V. Leipzig.
https://offenerdialog-ev.de/krisenbegleitung/
Anfang 2027 startet in Wien eine weitere Basisausbildung zur Praxis des Offenen Dialoges nach dem Curriculum von Dr. Volkmar Aderhold - Supervisionsangebote für Teams, die OD implementieren
- Zunehmende interprofessionelle Teilnahme (Psychiatrie, Psychotherapie, Sozialarbeit, Pflege, Klinische Psychologie)
Das bedeutet: Österreich verfügt inzwischen über eine kritische Masse an Fachpersonen, die OD kompetent anwenden können — ein zentraler Faktor für nachhaltige Implementierung.
3. Politische und systemische Ausgangslage: Österreich ist für OD besonders geeignet
Mehrere strukturelle Merkmale des österreichischen Systems begünstigen die Einführung des Offenen Dialogs:
- Starke Tradition der multiprofessionellen Versorgung
- Hohe Bedeutung von Familienarbeit in der Kinder‑ und Jugendhilfe sowie in der Psychiatrie
- Politische Zielsetzungen in Richtung Entstigmatisierung, Zwangsreduktion und gemeindenahe Versorgung
- Reformdruck durch steigende stationäre Belastung, Fachkräftemangel und hohe Kosten im Langzeitbereich
- Interesse an innovativen, evidenzbasierten Modellen in mehreren Bundesländern
Damit ist Österreich in einer Situation, in der OD nicht nur fachlich sinnvoll, sondern auch politisch und ökonomisch attraktiv ist.
4. Herausforderungen und Chancen für die nächsten Jahre
Herausforderungen:
- OD ist noch nicht in Leitlinien oder Strukturplänen verankert
- Finanzierung erfolgt oft projektbasiert statt strukturell
- Unterschiedliche regionale Zuständigkeiten (Gesundheit vs. Soziales) erschweren einheitliche Umsetzung
- Bedarf an systematischer Datenerhebung (Zwang, Hospitaltage, Medikation, Wiederaufnahmen)
Chancen:
- OD kann bestehende Reformziele direkt unterstützen:
- Zwangsreduktion
- Stärkung gemeindenaher Versorgung
- Entlastung stationärer Einrichtungen
- Verbesserung der Familienarbeit
- Österreich könnte — wie Finnland oder Dänemark — eine Modellregion für dialogische Versorgung werden
- OD bietet ein kosteneffizientes, evidenzbasiertes und menschenrechtsorientiertes Modell, das politisch gut vermittelbar ist
5. Kurzfazit für Entscheidungsträger:innen
Der Offene Dialog ist in Österreich angekommen, aber noch nicht systemisch verankert.
Es gibt eine wachsende Ausbildungslandschaft, erste Pilotprojekte und ein hohes politisches Interesse an menschenrechtsorientierter, gemeindenaher Versorgung.
Österreich hat strukturell ideale Voraussetzungen, um OD in den nächsten Jahren zu einem bundesweiten Reformmodell auszubauen — mit klaren Nutzen für Betroffene, Familien und das Gesundheitssystem.
Joy Ladurner, mit Unterstützung von Microsoft Copilot, 27. 7. 2026




