Aus der Diplomarbeit von Eva Schwaiger, Stand Juni 2022
Laut v. Peter et al. (2022) ist es im deutschen Gesundheitssystem unmöglich, die strukturellen Elemente des OD, wie er in West Lappland praktiziert wird, umzusetzen. Da wäre zum einen die Finanzierung: der Großteil der Finanzierung der psychiatrischen Kliniken hängt direkt mit der Auslastung der Bettenbelegung im stationären Bereich zusammen. Ambulante Angebote sind sehr fragmentiert und regional sehr unterschiedlich gestaltet und werden nur in begrenztem Ausmaß finanziell unterstützt.
Ein anderes Hindernis sind die starren Grenzen zwischen den einzelnen Sektoren im Gesundheitssystem. So würden Mitarbeiter*innen des ambulanten Settings ihre Arbeit mit den Patient*innen nicht fortsetzen können, solange diese stationär sind. Nach der Entlassung wiederum seien die Mitarbeiter*innen des stationären Settings nicht mehr zuständig. Dadurch ist das Prinzip der Kontinuität nicht möglich.
Dennoch werden in einzelnen Regionen Deutschlands in verschiedenen Settings zumindest Teile des OD umgesetzt. Laut v. Peter et al (2022) wird der OD in Deutschland generell eher als die Ermöglichung von Dialog innerhalb des sozialen Netzwerks gesehen und weniger als Umstrukturierung des Gesundheitssystems.
St. Hedwig Krankenhaus Berlin/ Charité
Zwischen 2012 und 2014 wurden im St. Hedwigs Krankenhaus in Berlin 30 Mitarbeiter*innen in OD grundausgebildet u.a. von Volkmar Aderhold, dem Vorreiter in der Weiterbildung auf dem Gebiet des OD. Daraus entstand ein Pool von Mitarbeiter*innen, die darauf spezialisiert sind, Netzwerktreffen zu ermöglichen.
Genutzt kann dieser Pool von der gesamten Klinik werden, auch von den ambulanten Sektoren. Es werden jede Woche drei fixe Timeslots reserviert für mögliche Netzwerktreffen. Diese können dann im Voraus von allen Mitarbeiter*innen gebucht werden.
Die Person, die den Timeslot bucht, ist verantwortlich für die Koordination mit der/dem Patient*in und deren Angehörigen. Sie selbst nimmt ebenfalls am Netzwerktreffen als Teil des professionellen Teams teil.
Bei den Patient*innen handelt es sich meistens um solche, die sich in keinem anderen Setting außerhalb der Klinik zurecht finden, meistens Menschen mit psychotischem Erleben. Großteils sind die Rückmeldungen der Mitarbeiter*innen sehr positiv. Sie beschreiben:
„We have developed a new attitude towards the people we serve, by working in a less goal-orientated and more process-orientated way, being more open to the service user ́s perspective and developing our tolerance of uncertainty […].“
(v. Peter et al, 2022. S.148) 13
Es sollte erwähnt werden, dass das Vorgehen, wie der OD hier entstanden ist, auf einem bottom up Prinzip beruht. Das heißt, es gab keine Anweisungen vom oberen Management, den OD einzuführen, sondern das ist dem Engagement und dem Interesse der Mitarbeiter*innen zu verdanken.
Psychosozialer Trägerverein Solingen (PTV)
Der psychosoziale Trägerverein Solingen betreibt ein Gemeindezentrum für psychische Gesundheit und ist zuständig für ca. 160.000 Einwohner*innen. Es arbeiten hier 150 Mitarbeiter*innen in elf Teams. Schon Mitte der 1990er Jahre hat dieser Verein begonnen, sich aktiv mit dem dialogischen Ansatz auseinanderzusetzen und ihn umzusetzen.
Der Verein hat regelmäßig an den jährlichen internationalen Konferenzen zur Behandlung von Psychosen (initiiert von Tom Andersen und Jaakko Seikkula) teilgenommen. Inzwischen konnten 30 Mitarbeiter*innen ihre speziellen Ausbildungen in Familientherapie und – beratung mit Fokus auf OD abschließen. 2012 ist die sogenannte Gesprächswerkstatt entstanden, die monatliche Gespräche im Sinne des OD anbietet.
„From its very beginnings in 1978, PTV has had a culture of equal footing between service users, families and professionals and we have successfully perserved this culture over the years. OD fits well into this paradigm and has proved useful in influencing our practice; e.g. medication has become a matter of negotiation and agreement, instead of a doctor ́s order.“
(v. Peter et al, 2022. S. 150)
Es wirkt hier im Gegensatz zum oben beschriebenen Klinik Setting eher so, als sei der OD mit dem Verein in Form von ähnlichen Grundhalten von Anfang an eng verwoben und die Umsetzung des OD wie organisch gewachsen.
NWpG – Netzwerk psychische Gesundheit
Ein gutes Beispiel für integrierte Versorgung von Menschen mit psychischer Erkrankung ist das Programm Netzwerk psychische Gesundheit (NWpG). Seit 2009 schließen sich dem Programm immer mehr Bezirke, Städte oder Stadtteile an, ca. 80 verteilt auf 12 der 16 Bundesländer.
Das Projekt richtet sich an Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen und beinhaltet Case Management, das das persönliche und professionelle Netzwerk miteinbezieht. Ebenfalls Teil des Projekts ist eine 24/7 Krisen Hotline.
Fast alle NWpG Teams haben den OD Ansatz in großen Teilen übernommen. Die Mitarbeiter*innen haben eine Grundausbildung in OD bei Volkmar Aderhold gemacht und leben den sogenannten Trialog, den Austausch auf Augenhöhe von Professionellen, Peers und Familienmitgliedern.
Das Berliner NWgP Programm hat vergleichsweise viele Aspekte des OD umgesetzt, auch strukturelle Umorganisation war hier teilweise möglich.
In Berlin arbeiten 600 Mitarbeiter*innen im Rahmen des NWgP Programms, das betreutes Wohnen, Therapie, Reha, Aktivitäten und Pflege anbietet. Betreut werden hier 5000 Menschen von 10 multiprofessionellen Teams, die auch Peer Berater*innen beinhalten.
Eva Schwaiger, Diplomarbeit, Stand Juni 2022
